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10 | 03 | 2010
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Höhere Männerlöhne

Männer verdienen mehr als Frauen. In der Privatwirtschaft beträgt der Medianlohn der Männer 8177 Franken, bei den Frauen liegt er bei 5891 Franken. Dies ergibt eine Differenz von 28 Prozent. Die Fachstelle für Gleichstellung zeigt in ihrer gestern veröffentlichten Studie, dass die Unterschiede zwischen den Geschlechtern bei jüngeren Menschen kleiner sind. Bei den 20- bis 29-Jährigen beträgt er 11,4 Prozent, bei den 40- bis 49-Jährigen liegt er bei 34,1 Prozent.
Der Medianlohn ist in der Kredit- und Versicherungsbranche am höchsten: Frauen verdienen 7381 Franken, Männer 10 933 Franken. In dieser Branche ergibt sich dadurch eine Lohndifferenz von 32,5 Prozent. Die Zahlen stammen von 2008 aus der Lohnstrukturerhebung des Bundes. Im Jahr 2006 war der Unterschied um 4 Prozent tiefer. Der Medianlohn liegt in der Mitte aller Löhne: Die Hälfte aller Beschäftigten verdient mehr, die andere Hälfte weniger als den Medianlohn.

Quelle: Tagesanzeiger vom 10. März 2010

Bald entscheiden Profis über Kinder-Schicksale

Der Kanton Zürich präsentiert in Kürze ein Modell, wie die Vormundschaftsbehörden professionalisiert werden sollen.

Wem würden Sie ein kleines Kind im Trennungsfall zusprechen? Dem Vater, der vor 20 Jahren den Sohn aus erster Ehe umbringen wollte? Oder der Mutter, die sich offenbar prostituiert und mit dem Knaben nach Brasilien verschwinden will? Würden Sie das Kind gar beiden Elternteilen wegnehmen? Vor dieser Frage stand die Vormundschaftsbehörde Bonstetten vor knapp zwei Jahren. Nun ist der Knabe tot. Ermordet von seinem Vater in einem Winterthurer Hotelzimmer.
Und schnell wird der Vorwurf laut, die Laienbehörde sei mit dem Fall überfordert gewesen, habe falsch oder zu spät reagiert, Warnungen in den Wind geschlagen. Warum hat sie nicht mittels superprovisorischer Verfügung das Kind den streitenden Eltern weggenommen und fremdplatziert? Mindestens solange, bis der Bezirksrat über den Rekurs der Mutter entschieden hat? Hätten die Behördenmitglieder nicht ahnen müssen, dass der Vater wieder ausrasten wird, wie damals vor 20 Jahren, als er befürchtete, seinen 13-jährigen Sohn an die Mutter zu verlieren, und ihn würgte, prügelte und in ein Tobel warf?

Bevor nicht alle Fakten auf dem Tisch liegen, will sich keine Fachperson zu diesen Fragen äussern. Justizdirektor Markus Notter (SP) hat Bonstetten aufgefordert, bis Mitte März transparent zu machen, wer wann was gewusst und entschieden hat. Erst dann lässt sich abschätzen, ob das Drama hätte verhindert werden können und welche Lehren daraus zu ziehen sind.

Sekretärin befragt Eltern
Nicht nur in Bonstetten entscheiden Laien über Schicksale von Kindern und ihren Eltern. In fast allen Zürcher Gemeinden ist die Vormundschaftsbehörde identisch mit dem Gemeinderat – einem Milizgremium, bestehend aus Lehrerpersonen, Hausfrauen, Versicherungsangestellten, Landwirten, Handwerkern, etc. Unterstützt werden sie von einem Sekretär oder einer Sekretärin. Er oder sie klärt Fälle ab, spricht mit Eltern, Nachbarn, Angehörigen und bereitet die Beschlüsse vor. Ganz auf sich gestellt sind sie indes nicht. Sie können bei der Polizei Berichte über Eltern einholen, sie können beim Jugendsekretariat professionelle Hilfe anfordern und sie können in besonders schwierigen Fällen auch Gutachten erstellen lassen. Dem Vernehmen nach wurde dies auch im Fall Bonstetten gemacht.
Eine Vormundschaftsbehörde ist mit einem Gericht zu vergleichen, das über das Leben eines Kindes entscheiden kann. Bei wem soll es aufwachsen? Muss es vor seinen eigenen Eltern geschützt werden? Solche tiefgreifenden Entscheide sollen nur Profis fällen, befanden National- und Ständerat 2008. Sie verabschiedeten eine Änderung des Zivilgesetzbuches im Bereich Erwachsenenschutz, Personen- und Kindesrecht und verankerten dort eine Professionalisierung der Behördenorganisation. Somit müssen in absehbarer Zeit auch im Kanton Zürich die Laien-Vormundschaftsbehörden verschwinden.

Erfahrung ist wichtig
Im letzten Sommer hat der Zürcher Regierungsrat einen ersten Vorschlag in die Vernehmlassung gegeben. Das Modell sah vor, in jedem Bezirk eine Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde (KESB) zu bilden, die vom Statthalter präsidiert wird. Dieser ist vom Volk gewählt. Der Regierungsrat wählt die weiteren Mitglieder der Behörde und achtet dabei darauf, dass sie über fachliche Kompetenzen verfügen: Juristen, Psychologen, Sozialarbeiter, Mediziner sollen entscheiden.
Dagegen haben sich viele Gemeinden ausgesprochen, sie wollen nicht noch mehr Kompetenzen abgeben. Der Regierungsrat ist nochmals über die Bücher gegangen und wird in den nächsten Tagen eine neue Vorlage präsentieren. Allerdings wird diese im Kern dem ersten Vorschlag gleichen, da die Professionalisierung zwingend vom Bund vorgeschrieben ist. Denkbar sind etwa Zweckverbände mit einem Einzugsgebiet von mindestens 50 000 Einwohnern. So oder so werden bis 2014 LaienVormundschaftsbehörden abgeschafft sein.
Wird dann alles besser? Auch Profis können Fehler machen. Doch die Fachleute erhoffen sich bessere Entscheide, weil Profigremien mehr Fachwissen und Erfahrung haben. In der Stadt Zürich, mit der grössten professionellen Vormundschaftsbehörde der Schweiz, sind letztes Jahr über 600 Kinderschutzmassnahmen verfügt worden, darunter 80 Obhutsentzüge. In kleineren Landgemeinden kommt es alle x Jahre zu einem solch drastischen Entscheid.

Quelle: Tagesanzeiger vom 6. März 2010

Was Sie schon immer wissen wollten

Alphabetische Namenslisten

Für alphabetische Namenslisten gelten dieselben Grundsätze wie für die Anordnung der Stichwörter in Lexika und Wörterbüchern. Namenszusätze wie de, van oder von bleiben bei der Alphabetisierung grundsätzlich unberücksichtigt, also beispielsweise Nolde – Nolden – van Norden oder Maisel – Maiser – de Maizière, es sei denn, sie werden großgeschrieben, z. B. Vanbrugh – Van Buren – Vance.

Auch akademische Grade oder Adelstitel spielen bei der Alphabetisierung von Personennamen keine Rolle: Hinkels, Otto Hinkelstein, Fritz Freiherr von.
Akademische Grade werden hinter den Namen gestellt: Knoll, Markus, Dr.Knolle, Emma, M. A. – Knolle, Friedrich, Prof. Dr.

Sogenannte diakritische Zeichen wie Umlautpunkte oder Akzente bleiben im Allgemeinen unberücksichtigt; ä, ö, ü, äu werden behandelt wie a, o, u, au: Knobel – Knödel – Knoffel. Nur wenn Konkurrenzfälle auftreten, steht der einfache Buchstabe vor dem gleichen Buchstaben mit diakritischem Zeichen: Bahr – Bähr. Namen mit ae, oe oder ue werden hinter ad, od oder ud eingeordnet. Übrigens machen Adress- und Telefonbücher hier insofern eine Ausnahme, als sie auch ä, ö, ü hinter ad, od, ud einordnen.

Hätten Sie’s gewusst?

viel/wenig

Die Indefinitpronomen viel und wenig bleiben vor Substantiven ohne adjektivisches Attribut häufig ungebeugt, vor allem im Singular: Mit viel Geld lässt sich alles regeln. Ich machte mir nur noch wenig Hoffnung. Es gibt wenig Augenblicke, in denen sie die Nerven verliert. Sie trug ein entzückendes Kleid mit viel Schwarz. Eine Ausnahme stellt bei beiden Pronomen allerdings der Genitiv Plural dar, hier muss grundsätzlich die gebeugte Form stehen: Es war das Werk weniger Augenblicke. Das ist der Lohn vieler Mühen. Übrigens: Wahre Welten liegen zwischen der Bedeutung von Sätzen wie Ich weiß viel und Ich weiß vieles. Ich weiß viel drückt aus, dass man ein umfassendes Wissen hat, während Ich weiß vieles besagt, dass man von vielerlei Details Kenntnis hat, von ihnen gehört bzw. über sie etwas erfahren hat.

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Quelle: Duden Newsletter

«Wir brauchen den Müssiggang»

Eine Erfolgsfrau schafft es nach einer langen Reise plötzlich nicht mehr, ihre Koffer zu packen. Wie Professorin Miriam Meckel auf die Diagnose Burnout reagierte, was sie in der Klinik erlebte und warum sie darüber ein Buch schrieb.
Mit Miriam Meckel sprach Judith Wittwer in St. Gallen

Sie haben nach Ihrem Burnout einen sehr privaten Brief an Ihr Leben geschrieben und machen ihn nun als Buch allen zugänglich. Warum?
Der Text ist nicht als Buchidee entstanden. Ich habe ihn geschrieben, um die Erfahrungen mit meiner Erkrankung zu ordnen und zu verarbeiten.

Weshalb veröffentlichen Sie ihn?

Da gibt es zwei Motive: Zum einen ist dieser Text für mich eine Art Lebensversicherung. Das klare Bekenntnis zu dieser Erkrankung hilft mir, nicht wieder in alte Muster zurückzufallen, die Ursache meiner Krankheit gewesen sind. Zum anderen kann ich mir vorstellen, dass das Buch doch beim einen oder anderen Leser Erleichterung hervorruft: Ich bin mit dieser Diagnose nicht allein. Es gibt einen Weg da raus.

Sie publizieren ein Buch, weil Sie sich selbst nicht über den Weg trauen?
Ich kenne heute meine Schwachpunkte. Mein Körper sendet mir bei zu starker Belastung Signale, die ich ernst nehme. Das ist nicht leicht, aber notwendig. Ich arbeite nach wie vor mit viel Leidenschaft und Spass und stosse gerne neue Themen an. Da fällt es einem zuweilen schwer, sich Grenzen zu setzen. Mein Buch erinnert mich daran, zugunsten meiner Gesundheit zwischendurch auch auf Dinge zu verzichten, die ich gerne mache.

Ein Buch zu veröffentlichen, bedeutet Termine und Stress. Rennen Sie so nicht ins nächste Burnout?
Schreiben heisst Nachdenken, und dafür nehme ich mir heute viel mehr Zeit. Gefährlich wird es für mich, wenn ich ständig reisen muss und von Kommunikationsanforderungen überrollt werde. Daher verzichte ich vorerst zum Beispiel auf eine Lesereise. Nach dem Erscheinen des Buchs verschwinde ich für ein halbes Jahr nach Harvard, um mich in Ruhe der Forschung zu widmen.

Macht ein Burnout interessant?
Das Burnout gehört zur Leistungsgesellschaft wie das Eigenheim zur Vorbildfamilie – so unbedarft wird die Krankheit zuweilen in der öffentlichen Diskussion behandelt. Dabei ist es mehr als eine Stress-als-Lifestyle-Anmutung und mehr als eine Zeitgeist-Erkrankung. Ich muss sagen: Ich will das wirklich nie wieder erleben.

Wie erlebten Sie denn Ihr Burnout?
Über Monate fühlte ich mich zusehends schwächer, konnte mich nicht konzentrieren. Oft war ich so erschöpft und müde, dass ich nur schlafen wollte. Zudem hatte ich immer wieder wahnsinnige Bauchschmerzen, mir war übel, und ich musste mich übergeben. Zuerst dachte ich, dass ich überarbeitet sei. Doch auch nach einem längeren Urlaub ging es mir nicht besser.

Wann kam der Zusammenbruch?
Nachdem ich in den USA eine Konferenz besucht und im Anschluss in Berlin eine Veranstaltung moderiert hatte. Ich wollte meine Koffer für die Rückreise packen, aber es ging nicht. Ich bekam Schweissausbrüche und konnte nicht mehr aufhören zu weinen. Ich habe zum ersten Mal erlebt, dass ich eine banale Situation nicht bewältigen konnte.

Der Arzt diagnostizierte ein Burnout.
Glücklicherweise benutzte er nicht diesen schrecklichen englischen Begriff. Er sprach von einem sehr starken Erschöpfungssyndrom, verbunden mit einer Infektion meiner Magenschleimhäute, die auch meinen Stoffwechsel angriff . . .

. . . und so schrieb er Sie sofort krank.
Für zwei Wochen, ja. Länger wollte ich nicht. Auch das ist typisch für diese Erschöpfung, dass man immer noch glaubt, irgendwie weitermachen zu müssen. Ich habe in dem Semester noch die Vorlesungen an der Uni geschafft. Aber mir war klar, dass ich jetzt Hilfe brauchte.

Diese bekamen Sie in einer Klinik im Allgäu. Doch welch vollgestopftes Programm erwartete Sie da!
Ich glaube, man darf einen Menschen nicht aus voller Geschwindigkeit total ausbremsen. Deshalb gab es auch in der Klinik einen Terminplan. Arztbesuche, Akupunktur, Massagen, Gespräche, das alles gehörte dazu. Manchmal ist es mir tatsächlich zu viel geworden, dann habe ich mich ausgeklinkt.

Wiederholte da die Klinik nicht den alltäglichen Terminwahnsinn?
Was zählt, ist Regelmässigkeit – beim Schlafen, Essen und den Ruhepausen. Für mich waren die Termine wie ein Gerüst in einem völlig neuen Umfeld. Aber ich musste mich schon erst langsam daran gewöhnen.

Um Sie zu fordern, reichte es auch, Handy und Laptop wegzusperren.
Eine wichtige Erfahrung. Bei diesem kommunikativen Stubenarrest, den sogenannten Inaktivitätstagen, blieb ich ein ganzes Wochenende auf meinem Zimmer. Keine Gespräche und keine Bücher, keine Musik, kein TV, kein SMS und keine E-Mail. Ich habe am Fenster gesessen und rausgeschaut. Dann begann das Denken und Fühlen.

Was brachte die Erfahrung?
Heute bin ich an faulen Sonntagen zu Hause in St. Gallen nicht mehr permanent online. Klar ist es verlockend, zwischendurch einen Beitrag auf Facebook zu posten oder eine E-Mail zu schreiben. Da wartet ja eine Instant-Gratifikation, jemand reagiert vielleicht. Aber so unterbreche ich mich permanent selbst. Oder ich versuche, alles gleichzeitig zu tun. Dabei ist das menschliche Gehirn gar nicht multitaskingfähig.

Macht man alles nacheinander, vergisst man die Hälfte.
Nicht wenn man das Erinnern übt. Notfalls gibt es To-do-Listen.

Dinge erledigen und dick durchstreichen schafft Befriedigung.
Zumindest kurzfristig. Meine To-do-Listen entstanden vor dem Burnout oft aus einer Unruhe, aus dem ständigen Gefühl, dass es noch tausend andere Dinge gibt, die ich machen müsste. So habe ich To-do-Listen geschrieben, während ich eigentlich einem Vortrag folgen wollte. Irgendwann macht man dann auch Listen für Selbstverständliches: aufstehen, duschen, Tee trinken, nur um nachher etwas wegstreichen zu können.

Dennoch bleibt Burnout eine Diagnose für Gewinner. Nur Verlierer werden depressiv.
So wird die Erkrankung kommuniziert: Das Burnout als eine gesellschaftlich akzeptierte Edelvariante von Depression, Erschöpfung und körperlicher Erkrankung. Leider wird es wohl auch in Zukunft keinen Firmenchef und Verwaltungsrat geben, der offen zugibt, dass er an einem Burnout leidet.

Wie viele Manager haben Sie denn in der Klinik im Allgäu getroffen?
Ich habe Menschen aus allen Berufsfeldern und Gesellschaftsschichten getroffen – auch aus den obersten Kaderpositionen. Die Manager tauchen unter falschem Namen auf, lassen sich inkognito behandeln, um öffentlich nicht als krank wahrgenommen zu werden.

Macht Sie das wütend?
Unsere Gesellschaft geht oft scheinheilig mit diesen Problemen um. Da laufen oberste Führungskräfte weinend aus Sitzungen, brechen zusammen und fallen für mehrere Monate aus. Sie werden aber nicht wegen eines Burnout krankgeschrieben – da ist dann von physiologischer Erkrankung die Rede. Lieber ein komplizierter Beinbruch als Überforderung. Dabei hat die Weltgesundheitsorganisation schon 2007 davor gewarnt, dass Stress und Burnout in industrialisierten Ländern zum Kostenfaktor Nummer eins werden könnten.

Ein Geschäft für die Pillenindustrie.
Nicht nur. Es werden zwar haufenweise Pillen geschluckt. Laut einer aktuellen Studie nehmen zum Beispiel 800 000 Deutsche regelmässig Medikamente zur Leistungssteigerung. Irgendwann brechen sie dann doch zusammen und fallen umso länger aus. Da ist es für den Arbeitgeber günstiger, sich gleich um ihr Wohlergehen zu kümmern.

Ist dies nicht der Preis unserer Erfolgsgesellschaft?
Menschen sollen nicht bloss funktionieren. Sie sollen leben. Perfektion und Erfolgsstreben sind oft nichts anderes als die Erfüllung selbst- und von aussen auferlegter Zwänge . . .

. . . sagt die Perfektionistin.
Ich bin nicht mehr so perfekt und pflegeleicht wie früher. Ich habe gelegentlich auf den Schleudergang umgestellt. Dann geht es etwas rauer zu. Ich stelle Fragen, ziehe in Zweifel und wehre auch mal Arbeit ab, die bei mir abgeladen werden soll. Ich muss für meinen Beruf ja im Wesentlichen kreativ sein. Aber die Ideen kommen nicht vom 18-Stunden-Arbeitstag. Wir brauchen den Müssiggang. Nicht ohne Grund geben die innovativsten Unternehmen der Welt – Google, 3M – ihren Angestellten Freiheiten. Da darf man auch mal in der Hängematte liegen und nachdenken.

Wer hat schon den Mut dazu?

Klar, es ist nicht leicht, abzuschalten, sich der Informationsflut zu widersetzen. Selbst beim Abendessen mit Familie oder Freunden ist man durch mobile E-Mails noch mit dem Büro verbunden. Aus der Angst, abgekoppelt zu werden von den wichtigen Informationsströmen und sozialen Kontakten im Berufsleben, klinken wir uns nicht aus. Seit meinem Burnout bin ich mir jedoch bewusster denn je: Wir brauchen Filter, Inseln in der Informationsflut.

Und das ständige Reisen? Ist die globale Nomadin doch noch sesshaft geworden?
Ich verstehe mein Leben heute weniger als logistische Herausforderung. So verbringe ich mindestens jedes zweite Wochenende in St. Gallen.

Damit bleibt Ihr Zuhause aber doch ein Wäscheumschlagplatz?
Nein. Heute weiss ich, dass in St. Gallen meine Wurzeln sind. Ich reise zwar immer noch regelmässig nach Berlin zu meiner Lebenspartnerin. Sonst fahre ich aber viel öfter Zug oder versuche, das stressige Reisen weitgehend zu vermeiden. Wichtig ist aber auch die Haltung: Ich versuche, das Reisen nicht mehr einfach als Mittel zum Zweck zu betrachten, sondern als Weg an sich. So gelingt es mir, mich darauf zu freuen, dass ich unterwegs eine neue BrahmsEinspielung hören oder ein Buch lesen kann. Der Weg ist dann das Ziel.

Miriam Meckel: Brief an mein Leben. Erfahrungen mit einem Burnout. Rowohlt-Verlag, Hamburg 2010, 224 S., ca. 34 Fr. Erscheint am 12. März.

Quelle: Tagesanzeiger vom 6. März 2010

Umgangsformen Unpünktlich zu sein, gilt als chic – ein schwerer Irrtum. Von Bettina Weber

Wer zu spät kommt . . .

Die wichtigste Frau der Mode ist nie zu spät. Anna Wintour, Chefredaktorin der US-«Vogue», sitzt jeweils pünktlich auf ihrem Platz in der ersten Reihe und wartet mit unbeweglicher Miene auf den Beginn der Fashion-Show. Der verzögert sich in der Regel um mindestens eine halbe Stunde, hauptsächlich deswegen, weil die vom Designer extra zu diesem Zweck eingeflogene Prominenz zu spät kommt. Meist handelt es sich dabei um Schauspielerinnen und Popstars von Weltformat, oft aber auch um Starlets der mittleren bis unteren Chargen. Beiden gemeinsam ist, dass sie zu spät kommen, weil sie sich für wichtig halten. Beziehungsweise: Sie denken, dass ihr Zuspätkommen ihre Wichtigkeit unterstreichen würde. Sie speziell mache. Extraordinär. Man ist schliesslich jemand und kann sich da nicht um solche Nebensächlichkeiten wie Pünktlichkeit kümmern.

Dieses Denken ist salonfähig geworden. Und Unpünktlichkeit zu einer Art Tugend. Es gilt als chic, überall mit Verspätung zu erscheinen, denn pünktlich sind ja nur die Biedermänner, die Buchhalter und Kleinkrämer. Der hippe Mensch hingegen, der ist da toleranter. Der sagt geradeheraus, ich bin immer zu spät, und hält das für total bohémien und sich selbst für wahnsinnig locker und lässig. Dies ist nun aber ein schwerer Irrtum. Zu spät zu kommen, zeugt nicht von Wichtigkeit. Und schon gar nicht von Coolness oder von Weltgewandtheit. Sondern bloss von fehlendem Stil. Von fehlender Höflichkeit. Von fehlendem Respekt. Und von einer schlechten Erziehung. Solche Menschen halten sich beim Gähnen die Hand nicht vor den Mund. Und sind eben gerade das, was sie so gar nicht sein wollen: provinziell.

Das Handy hat die Situation drastisch verschlimmert. Nichts ist mehr verbindlich, sondern alles fliessend, ewig provisorisch, auch eine genaue Zeitangabe wird so zur Manövriermasse, zu einem Zirka. Und so piept dann zur verabredeten Zeit verlässlich das Handy mit dem gewohnten SMS «13 min!», wobei mich besonders die Zahlenangabe irritiert, denn wie kann jemand, der ganz offenbar Mühe hat mit dem Lesen der Uhr, seine Ankunft auf dreizehn Minuten genau angeben?

Wobei es ja die leichteren Fälle unter den notorisch Verspäteten sind, die sich per SMS dafür entschuldigen. Weitaus schlimmer sind Fall 2 und Fall 3: Fall 2 erscheint gestikulierend und schildert wortreich, weshalb es zur halbstündigen Verspätung gekommen ist. Meist ist die Geschichte sehr banal (das Tram ist mir vor der Nase abgefahren) oder sehr bizarr (mir fiel ein Bundesordner auf den Kopf). Fall 3 hingegen erscheint und tut, wie wenn nichts wäre. Fall 3 hat es nicht nötig, sich zu entschuldigen, und nicht einmal, sein Zuspätkommen mit einer amüsanten Anekdote wiedergutzumachen. Fall 3 ist überzeugt, dass allein seine Präsenz das Gegenüber vor Ergriffenheit erstarren und ihm seine Nachlässigkeit verzeihen lässt.

Bei Fall 3 handelt es sich interessanterweise oft um Frauen. Das scheint daran zu liegen, dass Frauen noch immer denken, es mache sich irgendwie gut, einen Mann warten zu lassen, weil sich dessen Begehren dann quasi ins Unermessliche steigere. Abgesehen davon, dass ich das als Mann für durchschaubares KleinmädchenDenken und die Frau damit für komplett uninteressant halten würde: Geschlechtsgenossinnen aus dieser Haltung heraus warten zu lassen, funktioniert erst recht nicht. Die «plangen» da mitnichten glühend vor Verlangen, sondern bekommen irgendwann einfach schlechte Laune.

An den Modeschauen ist es so, dass die Show irgendwann doch beginnt, selbst wenn die Prominenz noch nicht vollzählig eingetrudelt ist. Das musste Janet Jackson vor ein paar Jahren bei einer Dior-Show erfahren, als sie mitsamt Entourage derart zu spät kam, dass ihr der Zutritt verwehrt wurde. Es war ziemlich uncool, wie sie dann dastand und nicht hineindurfte und die Wirkung des vermeintlich grossen Auftritts einfach so verpuffte, weil ihr stattdessen vor aller Augen demonstriert wurde, wie kolossal unwichtig sie letzten Endes ist.

Quelle: Tagesanzeiger vom 2. März 2010

Studenten profitieren von der Akademisierung der Gesellschaft

Die Zahl der Studierenden in der Schweiz wächst stetig. Trotzdem haben auch die Absolventen der populärsten Studiengänge gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt.

In den Hörsälen wird es immer enger. Fast 200 000 Studierende besuchen heute Schweizer Hochschulen, das sind rund 10 000 mehr als im Vorjahr. Die Gründe für den markanten Anstieg liegen in der demografischen Entwicklung und der Bologna-Reform, vor allem aber auch in der grossen Anziehungskraft der Schweizer Hochschulen auf Studierende aus dem Ausland. Auf der Bachelor-Stufe wächst der Anteil ausländischer Studenten derzeit um über acht Prozent jährlich.

Mittlerweile werden in den beliebtesten Studiengängen viele Vorlesungen per Video in zusätzliche Hörsäle übertragen. Wer sich für einen Massenstudiengang entscheidet, muss in Zukunft mit noch mehr Gedränge rechnen: Bis 2012 sollen die Studierendenzahlen laut einer Prognose des Bundesamts für Statistik (BFS) nochmals um über drei Prozent pro Jahr ansteigen. Doch obwohl der Konkurrenzdruck wächst, haben auch Studenten überlaufener Studienrichtungen gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt: «Der Trend führt hin zu einer Akademisierung der Gesellschaft. Die Nachfrage nach Hochschulabsolventen wird in der Schweiz weiter zunehmen», sagt George Sheldon, Professor für Arbeitsmarkt- und Industrieökonomie der Uni Basel.

Publizistik verdrängt Medizin
Die Universität Zürich verzeichnete im vergangenen Herbstsemester 11,6 Prozent mehr Neueintritte als im Vorjahr – und damit erstmals über 25 000 Studierende insgesamt. Der Wirtschaftskrise zum Trotz setzen die meisten Studienanfänger auf Ökonomie: Die Wirtschaftswissenschaften sind mit 741 Neueintritten der beliebteste Studiengang, gefolgt von den Rechtswissenschaften mit 645 und Psychologie mit 436 Neueintritten. Die Medienwissenschaften bleiben im Trend, obwohl es auch bei den Printmedien kriselt: Die Publizistikund Kommunikationswissenschaft hat die Humanmedizin erstmals vom vierten Platz verdrängt. Noch stärker ist der Zuwachs an der ETH. Die Technische Hochschule zählte im Herbstsemester 15 Prozent mehr Neueinschreibungen als im Vorjahr und kam damit auf insgesamt über 15 000 Studierende. Mit Abstand am beliebtesten ist der Studiengang Maschineningenieurwissenschaften, der im Herbstsemester um 38 Prozent zulegte und die meisten Neueintritte (482) in der Geschichte der ETH verbuchen konnte. Durch den allerorts proklamierten Ingenieurmangel hat der Studiengang, dem lange Zeit ein verstaubtes Image anhaftete, einen Popularitätsschub erhalten.

Interesse wichtiger als Chancen

ETH-Absolventen haben es statistisch gesehen etwas leichter, auf dem Arbeitsmarkt Fuss zu fassen, als Uni-Studenten, wie die 2007 vom BFS veröffentlichte Studie «Von der Hochschule ins Berufsleben» zeigt: Bei den Uni-Absolventen betrug die Erwerbslosenquote fünf Jahre nach Abschluss 1,9 Prozent, bei ETH-Studenten waren es lediglich 1,5 Prozent. Letztlich bleiben die Karrierechancen jedoch vor allem von der Branchenkonjunktur abhängig, ein Faktor, der sich bei der Studienplanung nicht einkalkulieren lässt, wie George Sheldon bemerkt: «Im Moment sieht es für Maschinenbauingenieure gut aus. Sollte die Schweizer Industrie jedoch einbrechen, wendet sich das Blatt natürlich schnell.»

Im Gegensatz zu Naturwissenschaftlern haben Geisteswissenschaftler ein breiteres Berufsfeld zur Auswahl, was den Einstieg ins Berufsleben nicht unbedingt erleichtert: «Für viele Phil-I-Studenten gibt es keine eindeutigen Berufsmöglichkeiten», sagt Klaus Rink, Studienberater der Universität Zürich. Um auf dem Arbeitsmarkt Fuss zu fassen, sei deshalb in vielen Phil-I-Fächern ein Praktikum auf Masterstufe ratsam. Rink empfiehlt bei der Studienwahl in jedem Fall das persönliche Interesse über die Karrierechancen zu stellen: «Das Studium soll in erster Linie Spass machen. Durch die modularen Prüfungssysteme der Bologna-Reform merkt man heute ohnehin schneller, ob das Interesse für die Materie genügend gross ist.»

Quelle: Tagesanzeiger vom 22. Februar 2010

Was Sie schon immer wissen wollten

Gross- oder Kleinschreibung bei Verbindungen mit -prozentig, -seitig u. Ä.

Wer durch Hochprozentiges enthemmt randaliert, kann schon mal achtkantig rausgeworfen werden. Dabei muss er sich allerdings keine Gedanken um die Groß- oder Kleinschreibung von -prozentig oder -kantig machen, da bei hochprozentig und bei achtkantig (im übertragenen Sinn) kein Bindestrich gesetzt wird. Ist aber im räumlichen Sinne von etwas Achtkantigem die Rede, ist auch die Schreibung etwas 8-Kantiges möglich. Kantiges wird hier großgeschrieben wie z. B. auch in etwas Kantiges
Unsicherheit kommt gelegentlich bei substantivierten Zusammensetzungen mit -prozentig, -seitig, -lagig u. Ä. auf. Diese Wortbestandteile kommen ja allein nicht als Wort vor. Einen „prozentigen Anteil” oder ein „seitiges Buch” wird man nicht finden. Dennoch werden sie als Bestandteil einer Substantivierung großgeschrieben. Neben ein Hundertfünfzigprozentiger, nichts Zweihundertfünfzigseitiges ist auch möglich: ein 150-Prozentiger, nichts 250-Seitiges.

Hätten Sie’s gewusst?

Gross- oder Kleinschreibung bei Verbindungen mit -fach

Etliche Verbindungen mit -fach werden ausschliesslich zusammengeschrieben. Hier macht die Gross- oder Kleinschreibung von Substantivierungen kaum Schwierigkeiten: ein Vielfaches, das Zigfache, etwas Einfaches u. Ä.
In Verbindung mit Zahlen ist das genauso, solange man die Zahlen in Wörtern schreibt: des Fünffachen, um das Dreiundneunzigfache u. Ä.
Schreibt man aber die Zahlen in Ziffern, kommt ein kleines Extra ins Spiel. Bei -fach kann nämlich mit oder ohne Bindestrich geschrieben werden: 5-fach/5fach, 93-fach/93fach u. Ä. Das wirkt sich auf die entsprechenden Substantivierungen aus. In der Bindestrichschreibung wird -fach dann grossgeschrieben, in der Variante ohne Bindestrich klein: des 5-Fachen/5fachen, um das 93-Fache/93fache u. Ä.
Zu beachten ist noch, dass in Verbindung mit Einzelbuchstaben nur die Bindestrichschreibung korrekt ist: x-fach, n-fach. Daher substantiviert auch nur: das x-Fache der normalen Menge, um das n-Fache vergrössert.

Quelle: Duden Newsletter

Die Vorlagen vom 7. März auf einen Blick

Die Abstimmungsunterlagen für den nächsten Urnengang sind diese Woche eingetroffen. Worum geht es bei den drei eidgenössischen Vorlagen? Der «Tages-Anzeiger» hat für Sie die wichtigsten Fakten zusammengefasst.

Verfassungsartikel über Forschung am Menschen

Worum es geht
Der Verfassungsartikel über die Forschung am Menschen gibt dem Bundesrat den Auftrag, in einem Gesetz die Humanforschung einheitlich zu regeln. Der Artikel enthält vier Grundsätze, die sofort für die biologische und medizinische Forschung gelten, und zudem den Rahmen für das Gesetz abstecken: An einer Person darf man nur forschen, wenn sie wichtige Aspekte des Projekts kennt und eingewilligt hat. Ist eine Person wegen des Alters oder einer Krankheit dazu nicht in der Lage, muss der gesetzliche Vertreter einwilligen. Forschung an Kindern ist nur zulässig, wenn sie an Erwachsenen nicht durchgeführt werden kann. Der Nutzen der Forschung darf nicht im Missverhältnis zum Risiko stehen. Eine unabhängige Kommission muss jedes Projekt bewilligen.

Befürworter und ihre Argumente
Von den Parteien sind FDP, CVP, SP, BDP, EVP und Grünliberale für den Artikel. Economiesuisse, der Schweizerische Nationalfonds, die Akademien der Wissenschaften sowie Insieme Schweiz begrüssen ihn ebenfalls. Er schaffe die Voraussetzung, die Forschung landesweit einheitlich zu regeln, und verankere den Schutz der Würde und der Persönlichkeit des Menschen in der Verfassung. Die Vorlage gehe nicht weiter als internationale Standards und sei sowohl für den Fortschritt der Gesundheit der Bevölkerung als auch für den Forschungsstandort Schweiz von Bedeutung. Ein forschungs- und innovationsfreundliches Umfeld sei die Voraussetzung, dass die Schweiz in der biologisch-medizinischen Forschung einen Spitzenplatz einnehmen könne.

Gegner und ihre Argumente
Von den grossen Parteien hat einzig die SVP die Nein-Parole herausgegeben. Der Artikel schränke die Forschung zu sehr ein und benachteilige Schweizer Firmen. Detaillierte Vorschriften über die Forschung gehörten nicht in die Verfassung. Die Grünen haben Stimmfreigabe beschlossen. Der Basler Appell gegen Gentechnologie bekämpft den Artikel. Er ordne die Menschenwürde und Persönlichkeitsrechte der Forschungsfreiheit unter. Eine stellvertretende Einwilligung dürfe immer nur im Wohle und Interesse von urteilsunfähigen Personen abgegeben werden. Deshalb sei Forschung mit urteilsunfähigen Personen strikt abzulehnen, wenn diese von den Ergebnissen nicht direkt profitierten.

Tierschutzanwalt Initiative

Worum es geht
Mit der Initiative des Schweizer Tierschutzes sollen alle Kantone verpflichtet werden, Tierschutzanwälte oder Tierschutzanwältinnen einzustellen. In Strafverfahren wegen Tierquälerei vertreten sie die Interessen der misshandelten Tiere. Dabei erscheinen die spezialisierten Anwälte kaum je vor Gericht und machen selber keine amtlichen Kontrollen. Sie sollen vielmehr Veterinärämter und Gerichte inhaltlich und bei der Festlegung des Strafmasses beraten. Haben sie den Eindruck, dass eine Strafe zu niedrig ausfällt, dürfen die Tierschutzanwälte Rekurs gegen das Urteil einlegen. Mehrere Kantone können gemeinsam einen Tierschutzanwalt bestimmen. Mit der Initiative soll eine konsequente Anwendung des Tierschutzgesetzes erreicht werden.

Befürworter und ihre Argumente
Die Befürworter der Initiative sind der Meinung, dass bis heute zu viele Tierquälereien als Kavaliersdelikte behandelt und kaum bestraft würden. Die Unterschiede zwischen den Kantonen sind in der Tat beträchtlich: Im Kanton Wallis zum Beispiel wurde in den letzten Jahren im Durchschnitt ein Tierschutzstraffall verhandelt. In Zürich, wo es seit 1992 einen Tierschutzanwalt gibt, waren es etwa 140. Der Tierschutzanwalt in Zürich habe sich bewährt, schiesse nicht über das Ziel hinaus und sei mit jährlich 80 000 Franken günstig, sagen die Befürworter. Zudem entlaste er mit seiner Arbeit die Behörden. Unterstützt wird die Initiative von verschiedenen Umwelt- und Tierschutzorganisationen, von der SP den Grünen und der EVP.

Gegner und ihre Argumente
Die Gegner der Initiative halten es für falsch, den Kantonen vorzuschreiben, wie sie das Tierschutzgesetz umzusetzen haben. Den Kantonen stehe es schon heute offen, einen Tierschutzanwalt nach Zürcher Vorbild einzuführen. Die Initiative führe zu einer unnötigen Aufblähung des Verwaltungsapparats und verursache höhere Gerichtskosten. Tierschutzanwälte verhinderten zudem keine Tierquälereien, weil sie erst nach der Tat zum Einsatz kämen. Die Gegner befürchten zahlreiche unnötige Verfahren. Die Umsetzung der neue Tierschutzgesetzgebung sei schon heute sehr gut. Bekämpft wird die Initiative vom Schweizerischen Bauernverband, von SVP, FDP, CVP, BDP und EDU.

Reduktion des Mindestumwandlungssatzes

Worum es geht
Die 2. Revision des Gesetzes zur beruflichen Vorsorge (BVG) senkt den Umwandlungssatz für künftige Renten. Der Satz bestimmt die Höhe der Altersrente. Ab 2016 beträgt der Umwandlungssatz 6,4 Prozent für Männer und Frauen. Dies bedeutet, dass von 100 000 Franken angespartem Alterskapital pro Jahr 6400 Franken Rente ausbezahlt werden. Bereits das geltende Gesetz sieht vor, dass der Umwandlungssatz sinkt. Aktuell liegt er bei 7,0 Prozent für Männer und 6,95 Prozent für Frauen. Bis 2014 wird der Satz auf 6,8 Prozent für beide Geschlechter gesenkt. Ziel der 2. BVG-Revision ist es, die Rentenhöhe der gestiegenen Lebenserwartung und der gesunkenen Kapitalrendite anzupassen. Wer eine Rente hat, ist nicht von der Senkung betroffen.

Befürworter und ihre Argumente
Die Vorlage wird vom Bundesrat, den bürgerlichen Parteien und den Wirtschaftsverbänden befürwortet. Einige Kantonalparteien der SVP und der CVP haben aber die Nein-Parole beschlossen. Die Befürworter argumentieren, dass der heutige Umwandlungssatz die Renten nicht mehr voll zu decken vermöge. Bereits heute müssten Erwerbstätige mit ihren Beiträgen die Renten der Pensionierten mitfinanzieren. Da nun die geburtenstarken Jahrgänge ins Rentenalter kommen, verschärfe sich das Ungleichgewicht noch. Ohne eine Senkung gerieten einige Kassen in Schieflage und müssten Sanierungsbeiträge verlangen. Das Ziel, dass AHV und Pensionskasse 60 Prozent des letzten Einkommens ergeben muss, werde trotz tieferem Umwandlungssatz erreicht.

Gegner und ihre Argumente
Die Gewerkschaften haben gegen die BVG-Revision das Referendum ergriffen. Sie halten die Senkung des Umwandlungssatzes für unnötig: Die gestiegene Lebenswartung sei bereits bei der 1. Revision berücksichtigt worden. Die Gewerkschaften bezeichnen die von den Befürwortern ins Feld geführte Finanzierungslücke von 600 Millionen Franken als Propaganda. Dahinter stünden vor allem die Privatversicherer. Diese würden sich heute mit überrissenen Gebühren und Verwaltungskosten bereits genügend an der zweiten Säule bereichern. Zudem müssten die Renten den Pensionierten ein würdiges Leben ermöglichen. Die Senkung des Umwandlungssatzes stelle dies infrage.

Quelle: Tagesanzeiger vom 13. Februar 2010

Die Schweiz beschuldigt Italien, einem Kindesentführer zu helfen

Der Bundesrat droht Italien mit Sanktionen: Das Nachbarland missachte den Haager Vertrag über Kindesentführungen.

Anlass der bundesrätlichen Verstimmung ist das Schicksal des Knaben Alessandro, geboren am 2. September 2003 in Lugano. Laut dem Tessiner Ständerat Dick Marty, der den Fall politisch aufgegriffen hat, stellt sich die Sache so dar: Kurz nach der Geburt des Jungen ging die Beziehung der Eltern – sie Schweizerin, er Italiener – in die Brüche. Schliesslich erstattete der Vater in Italien, wo er lebt, Anzeige gegen die Mutter. Er beschuldigte die Frau der Misshandlung des Kindes – und konnte so mittels provisorischer Verfügung verhindern, dass Alessandro nach einem Besuch am 10. Juni 2006 zu seiner Mutter ins Tessin zurückkehrte. Die Vorwürfe erwiesen sich letztlich als haltlos; die Strafverfahren wurden eingestellt. Am 24. Juli 2009 sprach die zuständige Vormundschaftsbehörde von Agno TI das Sorgerecht der Mutter zu.

Trotzdem ist Alessandro bis heute nicht in die Schweiz zurückgekehrt. Mehr noch: Seine Mutter wird laut Dick Marty von den italienischen Sozialdiensten «wie eine Kriminelle» behandelt und an regelmässigen Kontakten mit ihrem Kind gehindert. Die zuständigen italienischen Gremien scheinen nichts unternommen zu haben, um den rechtsgültigen Entscheid der Tessiner Behörden zu vollstrecken. In einer Interpellation verlangte Marty vom Bundesrat Auskunft, wie dieser Alessandro und seiner Mutter zu helfen gedenke. Die seit kurzem vorliegende Antwort des Bundesrats ist in einem Tonfall gehalten, wie er im Umgang mit anderen Ländern Seltenheitswert hat. Die Regierung wirft den italienischen Behörden offen vor, mit ihrer Passivität das Haager Abkommen über Kindesentführungen zu missachten. Man erwarte hier vom Nachbarn bei der Zusammenarbeit eine «substanzielle Verbesserung». Und weiter: «Sollte sich diese nicht innert nützlicher Frist ergeben, müssten allfällige Gegenmassnahmen erwogen werden.»

Anleitung für Entführung
Worin diese Massnahmen bestehen könnten, will man beim Bundesamt für Justiz im Moment nicht sagen. Dass der Bundesrat so scharf reagiert, hängt laut Insidern mit der Furcht vor einem Präzedenzfall zusammen. Italien liefere im Fall Alessandro potenziellen Entführern geradezu eine Handlungsanleitung: Sie bräuchten wie Alessandros Vater bloss eine provisorische Verfügung zu erwirken, um das Haager Abkommen auszuhebeln. Justizministerin Eveline Widmer-Schlumpf habe die Angelegenheit im Übrigen bei ihrem letzten Kurzbesuch in Italien auf Ministerebene besprochen. Bislang ohne Ergebnis.
Bei der italienischen Botschaft in Bern war gestern keine Stellungnahme zu erhalten.

Quelle: Tagesanzeiger vom 13. Februar 2009

Peter Sloterdijk

Der Mensch, der Athlet

Wir alle müssen trainieren. Bloss: Wer oder was ist unser Trainer? Der Philosoph Peter Sloterdijk sagte es in Zürich.

Üben, üben, üben
Wenn wir Leben als Üben begreifen, müssen wir erst den Wortschatz aufbauen, den man benötigt, um über dieses Phänomen zu sprechen. Die soziologischen Lehrbücher helfen nicht weiter, weil sie dort, wo sie vom Menschen als handelndem Wesen sprechen, immer nur Einteilungen des Handlungsfeldes anbieten und so das Phänomen des Übens zum Verschwinden bringen. Wir sprechen von der Vita activa, von der Vita contemplativa. Üben ist nun aber eine Sache, die weder in das eine noch in das andere Feld passt. Wir sprechen von Arbeit auf der einen Seite oder Interaktion auf der anderen. Üben ist aber weder Arbeit noch Interaktion, obwohl geistesgegenwärtig, wie sie sind, die Übenden von heute sich in die Terminologie der Arbeitswelt hineingeschlichen haben. Sie behaupten, sie «arbeiteten an sich selbst», um damit so etwas wie eine gesellschaftliche Lizenz zu erzeugen.

Der Mensch ist ein Wesen, das nicht nicht-Üben kann, das heisst, dass er immer übt, häufig jedoch, ohne es zu wissen. Wenn er es weiss, handelt es sich um explizites Üben, wenn er es nicht weiss, um implizites. Wir steuern hier geradewegs auf eine Form von Kritik der Wiederholung im menschlichen Verhalten zu. Üben kann der Weltverbesserung und der Selbstverbesserung dienen. Wir müssen versuchen, zu verstehen, wohin der Unterschied zwischen diesen beiden modernen Verbesserungskonzepten besteht und wie sie ineinander verschränkt sind.

Und schliesslich wäre noch als letztes und vielleicht wichtigstes Novum in dieser Wortschatzliste der Begriff der KoImmunität zu erwähnen. Es darf keineswegs ein thematisches Privileg unserer Freunde der Ärzte und der Biologen bleiben, diesen Begriff zu verwenden. Die Geisteswissenschaftler, Juristen und Soziologen, und allgemein gesprochen: Nachkommen der römischen Kultur, haben ihn in einem Akt unreflektierter Freundlichkeit an die Biologen nur ausgeliehen, denn Immunität ist ein Ausdruck, ist eine juristische Metapher in biologischem Gebrauch. Im ursprünglichen Wortsinn verstanden, muss der Mensch verstanden werden als Benutzer mehrerer übereinandergeschichteter Immunsysteme, die uns erst in ihrem Zusammenspiel zu verstehen erlauben, was es mit diesem seltsamen Kulturwesen Homo sapiens überhaupt auf sich hat. Es sichert sich gegen die Verlegenheit des Existierens in einer ansonsten unerträglichen Weltoffenheit dadurch, dass es solche Immunsysteme entwickelt.

Du sollst dein Leben ändern
Wenn ein Satz mit «Du musst» anfängt, hören wir sofort weg, so wie Woody Allen ja seinerzeit ge-sagt hat: «Wenn ein Satz mit basically beginnt, hör ich immer schon weg.» Wir sind Angehörige einer Kulturgeneration, die dem Müssen entlaufen ist und die in gewisser Weise das Müssen erst wieder lernen muss. Wir verstehen Sätze im Modus Müssen nur noch, wenn wir sie in die Form des Wollens übersetzen. Hier kann man von Rilke viel lernen, der die Zeile «Du musst dein Leben ändern» in seinem berühmten Gedicht an Lyrikleser, also modern Gebildete gerichtet hat. Auch sie hatten bereits eine Aversion gegen den Begriff Müssen.
Rilke unterläuft sie instinktsicher durch die ästhetische Subversion. Er übersetzt den Satz in einen ästhetischen Zusammenhang anlässlich einer Wanderung durch die Antikensammlung des Louvre. Bei der Begegnung mit dem Torso einer griechischen Männerstatue hört er eine Stimme in diesem Stein mit dionysischer Autorität flüstern. Als enthusiastischer und tief beeinflusster Nietzsche-Leser ist er dafür hellhörig, umso mehr, als ihn die Stimme in der zweiten Person Singular anspricht: «Du musst dein Leben ändern.»

Rilke senkt offenbar den Kopf, zumindest hört an dieser Stelle das Gedicht auf, und akzeptiert. Er gibt sogar den Appell weiter. Das will ich jetzt auch tun und gleichzeitig diesen Satz, den der Stein spricht, in eine explizite Form übersetzen: Du sollst trainieren. Du sollst deine Anhänglichkeit an bequeme Lebensweisen aufgeben. Zeige dich im Gymnasium, und beweise deine historische Bildung, indem du weisst, dass das Wort «gymnos» auf Griechisch nackt bedeutet. Beweise, dass dir der Unterschied zwischen Vollkommenem und Unvollkommenem nicht gleichgültig ist. Führe uns vor, dass Leistung, in anderen Sprachen «excellence» «arete», «virtue», für dich keine Fremdwörter ge-blieben sind. Gib zu, dass auch für dich Motive zu neuen Anstrengungen existieren, und vor allem, gewähre dem Verdacht, der Sport sei eine Sache für die Dümmsten, nur so viel Raum, wie ihm zu-kommt. Missbrauche ihn nicht, als Vorwand, um in deiner gewohnten Verwahrlosung weiterzudriften. Misstraue dem Philister in dir, der meint, du seiest, wie du bist, ziemlich in Ordnung. Widersetze dich nicht dem Appell zur Form, ergreife die Gelegenheit, mit einem Gott zu trainieren.

Der Trainer
Wenn hier nun wirklich ein Appell ausgesprochen sein soll, sich in Form zu bringen, so muss es eine Instanz geben, die das sagen darf. Ein archaisches Kunstwerk hat das Autoritätsproblem aus sich selbst heraus gelöst, weil es die einzige Instanz ist, die solche obszönen Imperativsätze in der zweiten Person Singular aussprechen darf. Sollen sie in die Welt des Trainings übergehen, also Autorität mit einem menschlichen Antlitz übernehmen, so müssen sie humanisiert werden. In einer antiautoritären Zeit muss ein Trainer die Autorität so strukturieren, dass sein Appell «Du musst» Ausdruck meines eigenen Willens ist.

Wer in seinem Leben ein calvinistisches Vorbereitungstraining durchlaufen hat, wird das verstehen. Auch von katholischer und lutherischer Seite kann man sich einen Zugang zu diesen Verhältnissen bahnen, weil uns die christliche Metaphysik den unfreien Willen im Verhältnis zwischen Gott und der Seele nahegebracht hat. Wir sollen ja wollen, was Gott will, das wir wollen. Dieses Verhältnis kommt auf modernem Boden nur in einer einzigen Beziehung zwischen Menschen empirisch wieder zur Erscheinung – in der stark unterschätzten Gestalt des Trainers. Denn Trainer sind ja nichts anderes als Leute, die das Mandat besitzen, uns zu sagen, was sonst niemand uns sagen darf, nämlich: «Du musst dein Leben ändern.»

Der Trainer ist eine Figur des verschränkten Willens. Ich beauftrage ihn, dass er mich beauftragt. Er soll mir sagen, ich möge mein Leben ändern. Natürlich muss jeder Athlet von sich aus eine gute Portion Erfolgswillen mitbringen. Aber der Trainer ist dazu da, dem schon Willigen einen zweiten Willen einzupflanzen, der ihn auch über seine Krisen hinweg trägt. Und ein solcher gewollter Wille überformt den wollenden Willen. Nur wenn das geschieht, kann der Athlet zu der Höhe der Leistung getragen werden, die sich ohne eine solche Verschränkung zweier Willen ineinander nicht erzielen lässt.

Askese
Der Erfinder der philosophischen Trainingswissenschaft auf dem Boden der Moderne heisst Friedrich Nietzsche. Er hat alle Arten von Training beschrieben, an denen er, seine Freunde und die Kultur, die er vorhersieht, auf gar keinen Fall teilnehmen möchte. Das sind all jene Formen von Askesen, die er als Negativ-Askesen, als Entselbstung – in der Terminologie von Gottfried Benn könnte man gerade-zu sagen als bionegative Askesen – verwirft. Indem er sich aber mit diesem Phänomen befasst, ent-deckt er das übende Leben als eines der Hauptmerkmale der menschlichen Existenz auf diesem Planeten seit dem Beginn der Hochkulturen. Wir dürfen uns nicht verwirren lassen durch die modernen Handlungstheorien, die unfähig sind, das Phänomen Übung zu sehen oder zu benennen, damit verschwindet es nicht aus der Wirklichkeit der Menschen. Nietzsche wählt die Optik einer Art philosophischen Raumfahrt, um die Situation der Menschen zu begreifen, so wie wir heute ja auch Raumfahrt brauchen, um unsere ökologisch-klimatologische Situation zu begreifen. Aus der ex-zentrischen Perspektive des Weltalls beobachtet er die Tatsache, dass Menschen als Stoffwechsler mit der Natur arbeiten müssen. Und noch viel wichtiger, als Tatsache aller Tatsachen, dass das meiste, was auf Erden geschehen ist, als Übung stattgefunden hat.

Nietzsche entdeckt das übende Leben, egal welcher Art, als einer der breitesten und längsten Tatsachen, die es gibt. Mit der Wahl einer solchen Perspektive verbindet er die Forderung, sie umzukehren. Von einem fernen Gestirn aus gesehen, schreibt Nietzsche in der «Genealogie der Moral», würde vielleicht die Majuskelschrift unseres Erdendaseins zu dem Schluss verführen, die Erde sei der eigentlich asketische
Stern, «ein Winkel missvergnügter, hochmütiger und widriger Geschöpfe, die einen tiefen Überdruss an sich, an der Erde, an allem Leben gar nicht loswürden und sich selber so viel Wehe antäten als möglich, aus Vergnügen am Wehetun, wahrscheinlich ihrem einzigen Vergnügen». Das ist falsch – in seinem ganzen späteren Werk fordert Nietzsche, von den ehemaligen Negativund Mortifikationsaskesen zu lebensbejahenden und lebenssteigernden Übungen umzustellen.

Der Athlet
In diesem Zusammenhang wird klar, dass auch Nietzsche in einen Prozess hineingehört, von dem man üblicherweise zu wenig Kenntnis nimmt, wenn man den Begriff der Renaissance auf die Phänomene in Italien und in Nordwesteuropa im 15. und 16. Jahrhundert verengt. In Wahrheit beginnt auf europäischem Boden im späten 14. Jahrhundert ein Experiment über die Wiederholung der Antike auch unter dem Gesichtspunkt der antiken Leibeskultur. Es ist die vielleicht bemerkens-werteste kulturdynamische Tatsache der Neuzeit, dass wir 400 Jahre lang warten mussten, ehe neben dem Künstler, dem Rhetor, dem Humanisten und Urkundenwissenschaftler auch der Athlet wiederkehrt. Das ist ein Phänomen, das ins späte 19. Jahrhundert fällt, gleichzeitig mit der Existenz Nietzsches. Es ist kein Zufall, dass zu dem Zeitpunkt, als Nietzsches Leben endet, die olympische Bewegung in Schwung kommt. Die ersten Olympischen Spiele der Neuzeit finden im April des Jahres 1896 statt. Nietzsche ist der massgebliche Denker dieser athletischen Renaissance, die nicht mehr Hochkulturphänomen bleibt, sondern zu einem Höhepunkt der Massenkultur führt.

Vertikalspannung
Nietzsche hat als Erster, und bis auf den heutigen Tag als Einziger, verbindlich die Frage gestellt, was aus den menschlichen Empfindungen für die Vertikale wird. Was wird aus dem Sinn von Höher und Niedriger? Was aus dem Sinn von Besser und Schlechter? Was wird aus allem, das damit zu tun hat, dass Menschen mit der Moderne in eine Kultur jenseits des Monotheismus eingetreten sind? Also in eine kulturelle Situation eingetaucht sind, die durch dieses ominöse Symbol «Gottes Tod» umschrieben wird, was immer dies nun im Einzelnen bedeuten mag. Wie kann denn überhaupt Spannung, Vertikalspannung gedacht werden, wenn die obere Verankerung der Brücke zum Jenseits fehlt? Der Vater der Monotheismen, Abraham, hatte mit dieser Fragestellung weiss Gott kein Problem. Er legte sich bei seiner Wanderung an einer Stelle im alten Palästina zur Nachtruhe, wählte dabei einen Stein als Kopfkissen und hatte einen Traum, in dem sich der Himmel über ihm öffnete. Vor ihm erscheint eine Leiter, auf der Engel auf- und niedersteigen. Er weiss ganz genau, wo diese Leiter oben angelehnt ist, im Reich Gottes. Die Gestalten, die er auf- und absteigen sieht, sind Engel im Aussendienst. Jene, die herabsteigen, sind als Botschafter tätig, jene, die aufsteigen, kehren zurück in die Position der Bewunderer.

In der Moderne fällt es schwerer, die Verankerung des Vertikaltraktes in einem oberen Pol zu denken. Hätten wir das Phänomen Nietzsche nicht erlebt, wüssten wir nicht, wie wir den oberen Pol denken sollen. Nietzsche nämlich hat uns die wertvollsten Hinweise gegeben auf die Tatsache, das Leben als Unterscheidungsprozess zu denken. Das Leben ist immer schon als ein Mehr oder als ein Weniger seiner selbst strukturiert, die Steigerung ist hier angelegt. Jeder, der in sich hineinblickt, macht die Erfahrung, dass er neben der Wahrnehmung eines Immer-schon-am-Leben-Seins zugleich spürt, dass am Leben sein immer auch bedeutet, etwas, was ganz zu einem selbst gehört, noch nicht erfahren zu haben.

Wenn Goethe seinen Ganymed sagen lässt «Hinauf strebt’s, hinauf», dann ist ein solcher Satz aus dem Innersten eines modern ausgelegten seelischen Lebens abgeschrieben und zum allgemeinen Gebrauch empfohlen. Kurzum: Wir brauchen in der Situation der Moderne nicht unbedingt eine objektive Metaphysik als oberen Pol für die Verankerung der Vertikalspannung, sondern wir können das Leben selber als eine solche Steigerung und als ein sich Vergleichen mit sich selbst denken. Wo Vertikalspannung in ihrer echten Gestalt auftritt, beobachten wir das Phänomen, dass aus einer Quelle, die wie auch immer bestimmt sein mag, eine Stimme hörbar ist, die zu den Menschen sagt: «Du musst dein Leben ändern.» Dieses Phänomen ist von der Erscheinung der Hochkultur als Ganze unabtrennbar. Der Satz hat die Form eines Imperativs, der weder kategorisch ist wie der Kantische noch hypothetisch wie die relativen Imperative unseres Rechtswesens.

Absoluter Imperativ
Dieser Satz ist absolut in dem Sinne, dass er wie ein Meteor vor die Füsse fällt, unableitbar und unabweisbar in seiner Evidenz. Er verbindet sich mit den intimen Selbstempfindungen von Menschen in beginnenden Hochkulturen. Im Buch «Du musst dein Leben ändern» habe ich sechs Ausprägungen des absoluten Imperativs in historischer Perspektive beschrieben. Ich will die Liste dieser sechs grossen Redaktionen des absoluten Imperativs hier aufzählen. Beim sechsten und letzten werden wir sehen, worum es heute für uns geht und wie der Imperativ lautet, dem wir als Menschen uns gegenwärtig nicht entziehen können, ausser in die Betäubung. Die Betäubung war zu allen Zeiten das grosse Schmerzmittel, um sich der Wirkung der absoluten Imperative und dem Anspruch einer Hochkultur zu entziehen.

Aristie
Die erste Form, die den Europäern aufgrund ihrer humanistischen und gymnasialen Tradition nicht ganz fremd ist, ist die von Homer zuerst artikulierte und für das ganze Griechentum bis in seine Spätphase hinein verbindlich gebliebene Aufforderung zur Aristie. Diese Lebensform heisst, sich dem Anspruch auszusetzen, in der Gesellschaft sich als einer der Besten, wenn nicht als der Beste, zu erweisen. Leben wird hier ausgelegt als eine Gelegenheit, Bestheit darzustellen. Das legt Homer bereits den griechischen Helden in den Mund in dieser unsterblichen Formel «Arai aristoia». «Aristoi» ist eines jener grandiosen griechischen Leistungsverben, das ausdrückt, was wir nur mühsam adverbial oder substantivisch umschreiben können. «Aristoia» heisst, das Nötige tun, um zu den Besten zu gehören. Der Ausdruck ist deswegen so bedeutend, weil die Europäer insgesamt seit 2500 Jahren daran arbeiten, die Bestheit zu metaphorisieren und auszuweiten. Die moderne Kultur ist ja eine einzige grosse Anstrengung, um die Bedeutung der Bestheit als Metapher zu fassen, der dumpfen kriegeraristokratischen Kastenethik weit überlegen. Das aufsteigende Bürgertum hat nichts anderes getan, als für sich selber eine alternative Form von Bestheit zu reklamieren. Nach einem kastilischen Sprichwort des 17. Jahrhunderts hiess es zum Beispiel, jeder Mann sei sozusagen nur der Sohn seines eigenen rechten Armes, was eine hübsche Formulierung für dieses moderne Aufsteigertum darstellt.

Buddhismus
Auch der Buddhismus hat auf seine Weise eine weltgeschichtliche Gestalt des absoluten Imperativs artikuliert. Der Mensch hat hier den Auftrag, das Seine dazu zu tun, dass das Leiden aufhört. Was alles dazu getan werden kann, wird in der buddhistischen Grundlehre im ursächlichen Zusammenhang dargestellt bis hin zum Ursprung des Leidens im Durst oder in der Gier. Die Darstellung dieses Zusammenhangs und die Serie der Übungen zu seiner Auflösung ist eine der grössten geistesgeschichtlichen Erscheinungen in der Geschichte der Menschheit. Es ist kein Zufall, dass der Buddhismus heute als missionierender Kult Erfolge erzielt, weil er aus diesem alten Reichtum heraus auch anspricht, was der moderne Mensch spirituell vermisst.

Stoa
Auf dem Boden des griechischen und lateinischen Westens entstand als dritte Figur des absoluten Imperativs das stoische Phänomen. Es ging hier darum, dass Menschen ihr Leben begreifen sollten als eine Gelegenheit, weise zu werden. Weise werden heisst, sich selber als lokale Funktion des Kosmos zu interpretieren und auf diese Weise die Neigung zum überflüssigen Klagen abzubauen. Klagen ist nach stoischer Analyse schlimmer als das ursprüngliche Leiden, zu dem uns das Leben aus seinem eigenem Spiel heraus Anlässe bietet. Wir verzehnfachen das Leiden, wenn wir den unvermeidlichen Teil mit dem vermeidlichen multiplizieren.

Christentum
Das Christentum hat die Menschen angesprochen unter dem Gesichtspunkt, das Leben als Gelegenheit zu betrachten, Heiligkeit vor dem Tod zu antizipieren. So ist ein gewaltiges christliches Übungswesen entstanden. Darauf hat Nietzsche mit seinen polemischen und einseitigen Bemerkungen hingewiesen, denn das Phänomen der christlichen Existenz ist viel ambivalenter und breiter gestreut. Denn es gibt, so wie es eine christliche Verdrossenheit gibt, auch eine ebensolche Fröhlichkeit, und der Heilige ist nicht notwendigerweise nur die Gestalt, die dem Leben abgeschworen hat, sondern möglicherweise auch die Gestalt, die eine höhere Form von Leben gefunden hat.

Virtuosität
In der beginnenden Renaissance haben Menschen in Europa begonnen, aus dem Schatten des Heiligen herauszutreten. Die Gestalt, die danach sichtbar wurde, nennen wir den Virtuosen oder Künstler. Zuerst trat der Mensch auf mit der säkularen, humanen Virtu. Der Mann mit der Tüchtigkeit, mit der Tugend, war unterwegs, ein Virtuoso, ein Könner, zu werden. Er löste sich aus dem Schatten der Heiligkeit, denn während der Heilige vor allem im Leiden gut war, war der Virtuose sozusagen im Vollbringen stark, und er wird immer stärker. Die europäische Neuzeit lässt sich aus dieser Sicht beschreiben als grosser Wirbel, um Virtuosität aufzuschaukeln.

Ko-Immunität
Am Ende dieser 2500 Jahre alten Reihe taucht in unserer Zeit, unsere Lebensgeschichte durchkreuzend und durchschneidend, eine neue Figur des absoluten Imperativs auf: die reale planetarische Wohngemeinschaft. Menschheit ist kein abstrakter Begriff mehr, sondern der Name einer Verkehrsgemeinschaft. Wer heute von der Menschheit redet, sollte erklären, ob er noch die alte Terminologie benutzt, also wolkig generalisiert, oder ob er die Menschheit angesichts der aktuellen Bedrohung als ökologisch-kosmopolitische Verkehrsgemeinschaft denkt. Also die epochale Herausforderung erkannt hat, wonach die Menschheit ein konkretes Kollektiv geworden ist. Es ist zwar nach wir vor zersplittert in die alten immunitär-idiotischen Kollektive. Sie entziehen sich nach wie vor der Erkenntnis, dass es unsere epochale Aufgabe ist, für diese ökologisch-kosmopolitische Verkehrsgemeinschaft, die sich Menschheit nennt, einen gemeinsamen Modus vivendi zu entwickeln. Die Menschheit müsste heute den Notwendigkeiten der planetarischen Ko-Immunität genügen.

Alle ethischen Systeme, die wir bisher gekannt haben, waren nichts anderes als die jeweils zu ihrer Zeit gültigen, plausiblen Ausflüsse aus der damals aktuellsten Form des absoluten Imperativs. Sie haben bis heute ihre Bedeutung und bleiben weiter aktuell, werden aber überlagert durch den neuen ökologischkosmopolitischen absoluten Imperativ. Man muss weder Buddhist noch Christ noch Stoiker noch Virtuose sein, auch nicht Athlet, sondern nur ein aufmerksamer Interpret des Zeitgeistes oder der Weltatmosphäre, um die Botschaft zu verstehen: Arbeite an der Entwicklung eines moralischen Kodex, der geeignet ist, eine planetarisch-effektive Lebensstruktur für die Menschheit zu sein.

Die Zürcher Rede
Neben Jürgen Habermas gehört der 62-jährige Peter Sloterdijk zu den bekanntesten Philosophen Deutschlands. In seinem jüngsten Buch, «Du musst dein Leben ändern», legt der Rektor der Staatlichen Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe eine Phänomenologie des Übens vor: der Mensch als ein Wesen, das stets versucht, sich selbst zu übertreffen – sei es in der Arbeit, im Sport oder in der Kunst. Auf Einladung des «Tages-Anzeigers» sprach Peter Sloterdijk letzte Woche zum Thema der athletische Mensch.

Quelle: Tagesanzeiger vom 6. Februar 2010

Konflikte mit Jugendlichen im Berufsalltag

Wer kennt sie nicht, die Diskussionen mit Jugendlichen im Berufsalltag. Unterschiedlichste Werthaltungen treffen aufeinander. Es geht um Arbeitsmoral, Kleidervorschriften, Piercings im Gesicht, farbige Haare, Natelgebrauch, private Internetnutzung und vieles mehr.

Verschiedene Ansichten und Verhaltensstile können sehr bereichernd sein und zu einer lebendigen Dynamik führen. Sie können aber auch Grund für gegenseitiges Unverständnis und permanente Reibereien sein. oder zu «kämpfen» bis hin zu Ohnmachtserfahrungen und beträchtlicher Frustration führen. Diesem Konfliktpotenzial kann durch einen kreativen Umgang mit den unterschieden begegnet werden. Direktes Ansprechen von Konflikten, ohne zu verletzen und zu entmutigen, kann trainiert werden. Verständnis für das Anderssein und verhalten von Jugendlichen setzt Einfühlungsvermögen und sich Einlassen auf Diskussionen voraus. Das Resultat daraus kann gegenseitiges verstehen, Achtung und Akzeptanz aber auch Kompromissbereitschaft sein.

Der KV Schaffhausen bietet am Dienstag, 16. März 2010, ein entsprechendes Tages Seminar an. Wir haben uns mit Seminarleiterin Susanne Schneeberger, lic. phil. i., Fachpsychologin für Psychotherapie FSP, über den Inhalt und die Ziele dieses Seminars unterhalten.

Susanne Schneeberger, was erwartet die Teilnehmenden Ihres Seminares?
Sie lernen mehr über das verhalten der Jugendlichen, speziell auch über das Schlafverhalten, die Cliquenbildung und über die Gehirnentwicklung in diesem Alter. Jugendliche leben nach dem Lustprinzip und müssen Emotionskontrolle, Handlungsplanung und Selbstkontrolle noch lernen. Einige dieser typischen Konflikte werden wir praktisch anschauen. Hier erhalten die Teilnehmerinnen konkrete Interventionsmöglichkeiten zur Konfliktlösung.

Wie soll man mit verbaler oder körperlicher Gewalt umgehen?
Aggression hat viele Ursachen. Treten Beschimpfungen oder aggressives verhalten im Lehrbetrieb auf, sollten Erwachsene in der Situation reagieren und klar und bestimmt das nicht tolerierbare Verhalten stoppen. Die psychologische Ursachenforschung überlassen sie besser Fachleuten. Zudem lähmt zu viel Verständnis oft, so dass die Jugendlichen nicht mit ihrem verhalten konfrontiert werden und somit nichts neues lernen können. Es gehört zur Jugend, Grenzen auszuloten, um herauszufinden, was gilt. Geschulte, erfahrene Erwachsene lassen sich nicht so leicht durch Provokationen Jugendlicher herausfordern, sondern können im Gespräch bleiben und klare Grenzen deklarieren.

Gibt es ein Patentrezept im Umgang mit Jugendlichen?
Nein – Jugendliche wollen wie Erwachsenen auch als Individuen wahrgenommen werden. Sie kommen mit ganz unterschiedlichen praktischen und intellektuellen Fähigkeiten, unterschiedlicher biologischer Reifung und sozialer Kompetenz in den Betrieb und werden durch die Atmosphäre im Betrieb wiederum geprägt; gefördert oder blockiert. Echt gemeinte Wertschätzung und vertrauen sind Türöffner, um einen guten Kontakt aufzubauen und zu behalten. Dann liegt auch mal eine Krise drin, was ganz natürlich ist in der Lehrzeit.

Was motiviert junge Leute, sich mit einer Aufgabe zu identifizieren?
Dass man sich für sie und ihre Meinung interessiert, und ihnen wirklich zuhört. Dass ihr Beitrag gesehen und geschätzt wird. Dass man ihnen Informationen und Unterstützung gibt, dort wo nötig, aber nicht mehr. Auf Bevormundung reagieren sie allergisch. Dass man ihnen herausfordernde Aufgaben stellt und vertrauen entgegenbringt, sowie Fehler als normalen Bestandteil des Lernens akzeptiert.

Was empfehlen Sie Lehrmeistern und Mitarbeitern für den Umgang mit ihren Lernenden?
Wenn Lehrmeisterinnen und Mitarbeiterinnen mit Freude und Engagement arbeiten, sind sie inspirierende Vorbilder für die Lernenden. Eine gute Beziehung, klare Erwartungen und genug Unterstützung, sowie vertrauen sind wichtig. Herzliches gemeinsames Lachen und Humor erleichtert vieles, aber keine sarkastischen Bemerkungen. Eine Kultur gegenseitiger Wertschätzung ist Gold wert. Also alles, was zu einem positiven Teamgeist beiträgt.

Wie sollen sich Ihrer Meinung nach Arbeitgeber in einer verfahrenen Situation verhalten?
Am besten ist, es gar nicht soweit kommen zu lassen und früh den Konflikt anzusprechen. Wenn die Situation verfahren ist, ist wahrscheinlich schon lang vieles schief gelaufen. Es gilt das Gespräch zu suchen und gemeinsam konkrete erreichbare Ziele zu formulieren, die dann auch überprüft werden, so dass der oder die Jugendliche die Lehre erfolgreich abschliessen kann.

Wie können Eltern Konflikte mit ihren Jugendlichen angehen?
in der Familie wird die Basis für soziale Kompetenz gelegt. Jugendliche trainieren ihre Durchsetzungs- und Konfliktfähigkeit, damit sie als Erwachsene den Mut haben, ihren eigenen Weg zu gehen. Konflikte in dieser Zeit sind auch ein positives Signal, dass die Kinder selber denken und eigene Wertvorstellungen und Ansichten entwickeln. natürlich decken sich die oft nicht mit denen der Eltern. Das Bindungsverhalten ändert sich in dieser Zeit radikal. Gleichaltrige sind als Massstab wichtiger als die Eltern. Eltern müssen aushalten, dass sie total uncool und veraltet sind.
Wenn Eltern die Stärke besitzen freundlich, klar und bestimmt auf ihre jugendlichen Kinder zuzugehen, (auch wenn ihnen diese die kalte Schulter zeigen und nonstop Kopfhörer auf den Ohren haben) und ehrlich sagen, was ihnen nicht gefällt und worüber sie reden möchten, sind Lösungen möglich. vielleicht braucht es viel Geduld und Hartnäckigkeit von Seiten der Eltern. Konflikte enthalten aber auch Entwicklungspotential für beide Seiten.

Ein kurzes Schlussfazit?
in Konfliktsituationen ist der Umgang mit den eigenen Gefühlen wie Wut, Enttäuschung oder Resignation das grösste Hindernis. Das bedingt emotionale Kompetenz und Ehrlichkeit sich selbst gegenüber. Denn Jugendliche fordern uns gerade an unseren Schwachstellen heraus. Wer sich auf diese Auseinandersetzung einlässt, gewinnt persönlich viel.

Quelle: 'aktuell' KV Schaffhausen vom 5. Februar 2010

Was Sie schon immer wissen wollten

Das Jahr 2010
Die guten alten Zeiten! Noch vor elf Jahren lebte man problemlos in den Neunzigern und antwortete auf die Frage, welches Jahr denn gerade sei, wie aus der Pistole geschossen mit „Neunzehnhundertneunundneunzig”. Doch dann folgte eine Dekade, deren Benennung sich schon deutlich schwieriger gestaltete und für die sich mittlerweile die Bezeichnung Nullerjahre eingebürgert hat. Diese sind nun auch vorüber und wir befinden uns im Jahr zweitausendzehn. Oder im Jahr zweitausendundzehn? Oder womöglich im Jahr zwanzighundert(und)zehn? Oder kurz und knapp im Jahr zwanzig-zehn?

Um Sie nicht lange auf die Folter zu spannen: Korrekt sind auf jeden Fall die beiden ersten Varianten. Denn während von 1100 bis 1999 einfach die Hunderter immer weitergezählt wurden, was in der Mathematik strengstens verboten wäre, werden die glatten Tausender so gesprochen, wie man auch „normale” Zahlen aussprechen würde. Deshalb gab es das Jahr zweitausend, zweitausend(und)eins – und nun zweitausend(und)zehn. Wie Sie schon an der Einklammerung erkennen können, macht es keinen Unterschied, ob Sie das und mitsprechen oder nicht. Die Bildung „zwanzighundert …” hingegen ist nicht üblich.
Und was heißt das jetzt für die Agenda 2010? Bei solchen Eigennamen darf man aus Gründen der Medienwirksamkeit auch schon mal von den Regeln abweichen und knackig „zwanzig-zehn” sagen.

Hätten Sie's gewusst?

Bezug von Partizipialgruppen
Sicher haben Sie in Reiseberichten schon Sätze wie diesen gelesen: Kaum angekommen, wurde München von uns erobert. Die Bedeutung ist klar. Die Reisegruppe kam an und machte sich sofort daran, die Stadt näher kennenzulernen. Doch wenn man den Satz genauer betrachtet, stellt sich ein ungutes Gefühl ein. Wer war denn nun genau angekommen? Die Partizipialgruppe kaum angekommen bezieht sich grammatisch auf das Subjekt des Satzes. Doch dieses lautet hier München. Da die Stadt aber schlecht angekommen sein kann, sondern als eher ortstreu bekannt ist, müsste der Satz neu formuliert werden. Verständlicher wäre beispielsweise: Kaum angekommen, eroberten wir München im Sturm. Hier passt alles zusammen: Wir ist das Subjekt und auf ebendieses Subjekt bezieht sich die Partizipialgruppe. Nach dem gleichen Prinzip funktionieren übrigens auch die Infinitivgruppen mit um zu. Ein Satz wie Dieser Wagen wurde konstruiert, um mit Freude zu fahren müsste umgeschrieben werden in: Dieser Wagen wurde konstruiert, um [Ihnen] Freude am Fahren zu verschaffen.

Quelle: Duden Newsletter

Der Wahn des positiven Denkens

Optimismus ist gut. Man kann es aber auch übertreiben. Die amerikanische Journalistin Barbara Ehrenreich beschreibt in einem klugen Buch, wie Amerika unter dem Zwang zum positiven Denken verblödet.

Als Barbara Ehrenreich vor neun Jahren ihre Brustkrebsdiagnose erhielt, ging sie damit einigermassen pragmatisch um. Als Doktorin der Biologie verstand sie die medizinischen Zusammenhänge und auch, wie die Behandlung wirken würde; Angst hatte sie trotzdem, verständlicherweise. Sie suchte Informationen im Netz. Fand zahlreiche Blogs von Betroffenen. Und begann, Fragen zu stellen, zur Operation, zum Haarausfall, zu den Schmerzen. Zu ihrer Verblüffung erhielt sie den Rat, schleunigst einen Therapeuten aufzusuchen: Mit so einer negativen Haltung, hiess es unisono, habe sie keine Chance, gesund zu werden. Sie müsse dringend an ihrer Einstellung arbeiten. Positiv müsse die sein, p-o-s-i-t-i-v! Und sie selbst müsse den Krebs als eine wunderbare Möglichkeit erkennen, sich persönlich und spirituell weiterzuentwickeln.

Ehrenreich konnte ihrer Krankheit beim besten Willen nichts Positives abgewinnen, sie empfand sie als ungerecht, war wütend. Aber sie konnte nirgendwohin mit ihrem Zorn, Empfindungen dieser Art, schien es, hatte man sich in ihrem Land abgewöhnt. Sie erinnerte sich, dass auch Lance Armstrong in einer völligen Selbstverständlichkeit einst gesagt hatte: «Der Krebs ist das Beste, was mir in meinem Leben je passiert ist.» Sie begriff: Hier ging es nicht darum, tapfer zu sein, und schon gar nicht um eine gesunde Portion Optimismus, sondern um den Glauben, kraft positiven Denkens dem Krebs den Garaus machen zu können. Um eine Haltung, die zu einem kollektiven Wahn geworden war und die da lautet: Alles ist möglich, man muss nur fest genug wollen. Man muss nur genug positiv sein.

Angst vor negativen Gefühlen
Barbara Ehrenreich ist keine verbitterte, humorlose Frau. Sie findet es gut, wenn Menschen glücklich sind. Und sie anerkennt durchaus, wie wichtig die Befreiung vom strengen, nach heutigem Verständnis «negativen» Calvinismus in der Mitte des 19. Jahrhunderts war, als die Menschen nicht mehr länger einen immer strafenden Gott fürchten mussten. Das Glück liegt in dir selbst, versprach dieser neue Ansatz. Er wirkte befreiend, weil er die Amerikaner tatkräftig machte, weil dadurch diese «Let’s do it»-Mentalität entstand, neben der Europa immer etwas zaudernd wirkte.

Die begrüssenswerte Entwicklung ist aber längst aus dem Ruder gelaufen. Ehrenreich sieht im positiven Denken heute ein System, das den Menschen eben gerade nicht glücklich macht, sondern vielmehr unter Druck setzt. Gerade im Krankheitsfall wird dies zur zusätzlichen Belastung. In ihrem Buch «Smile or Die» berichtet sie von Patienten, die, angeschlagen und gezeichnet, so sehr darum bemüht sind, positiv zu sein, dass die Angst vor negativen Gefühlen grösser war als vor der Krankheit an sich. Wenn sie einen Rückfall erleiden, trotz allen positiven Denkens, kommen Schuldgefühle dazu, fühlen sie sich als Versager. Weil sie nicht genug fest gewollt haben. Ganz die Wissenschaftlerin, die sie vor ihrer journalistischen Karriere war, zitiert Ehrenreich an dieser Stelle aus zahlreichen Studien, nach denen noch nie ein günstiger Effekt des positiven Denkens auf eine Krankheit wie Krebs nachzuweisen war.

Und sie holt aus, zu einem bitterbösen Rundumschlag, der zeigt, wie sehr das positive Denken längst alle Bereiche des amerikanischen Lebens beherrscht, nicht nur dann, wenn es um schwere Krankheiten geht: immer nur das Positive sehen, selbst dann, wenn das Glas nicht nur leer ist, sondern längst zerbrochen am Boden liegt. Die Folgen dieses «always look on the bright side» sind überall spürbar, bis hin zur Finanzwelt, und Ehrenreich liefert Beispiele zuhauf; bisweilen sind sie so bizarr, dass man als Europäer zutiefst dankbar ist, dass bei uns die milliardenschwere Daumenhoch-Industrie von Motivationsseminaren, -trainern, -büchern und -CDs nie so richtig Fuss fassen konnte. Dennoch sind auch wir nicht verschont geblieben, vor allem in der globalisierten Wirtschaftswelt nicht, wo Angestellten auch in der Schweiz schon mal gesagt wird, sie sollen ihre Entlassung als «Chance» betrachten.

Und ebenda begann es ja auch aus dem Ruder zu laufen, das positive Denken, in der Arbeitswelt der Achtziger, als man in den USA den Angestellten Entlassungen quasi als Geschenk verkaufte, als Möglichkeit, persönlich weiterzukommen. Die Strategie eignete sich perfekt, um Kritik oder gar Protest im Keim zu ersticken, man präsentierte den Leuten einfach schlechte Nachrichten als gute. Und viele Amerikaner mochten gerne daran glauben. Bücher von Betroffenen mit Titeln wie «Wir wurden entlassen, und es war das Beste, was uns je passiert ist» zeugten davon; die Entlassenen spielten das Spiel mit, als dankbare Handlanger derer, die sie manipulierten.

Barbara Ehrenreich fragt: Wie soll der blosse Vorgang des positiven Denkens eine bestimmte Tatsache verändern können? Da habe sich ein Land ein Mantra zusammengeschustert, das dem Aberglauben gefährlich nahekomme.

Kritische Haltung ist verpönt
Und sie sagt: Dieses Land muss wieder begreifen, dass das Gegenteil des positiven Denkens nicht Pessimismus ist. Sondern die Fähigkeit, Situationen realistisch einzuschätzen und kritisch zu hinterfragen. Dies ist aber mittlerweile derart verpönt, dass allein «negativ sein» ein Kündigungsgrund sein kann. Wobei dieses «negativ sein» schlicht darin bestehen kann, zu viele Fragen zu stellen und damit unangenehm zu sein.

Hier zieht Ehrenreich einen etwas gewagten Schluss: Sie führt aus, wie positives Denken beziehungsweise dessen groteske Auswüchse unter anderem den Finanzkollaps überhaupt erst ermöglicht hätten. Wer kritisch nachfragte, gewisse Handlungen hinterfragte, am Erfolg zweifelte, Risiken als zu hoch einschätzte, der hatte «a negative attitude». Und das mochte man gar nicht, die Leute wurden entlassen oder mundtot gemacht. Das mag nun eine etwas einseitige Betrachtungsweise sein, allein, was sie damit sagen will, ist klar: Wenn positives Denken zur Folge hat, dass Unangenehmes nicht mehr thematisiert werden darf, weil damit die kollektive Harmonie gestört wird, dann ist das nicht positiv und nicht gut. Es führt dazu, dass die Realität ausgeblendet wird, dass man sich eine eigene, harmlose Welt zusammenzimmert.

Probleme werden so keine gelöst. Und das, sagt Ehrenreich, kann sich Amerika nicht leisten.

Barbara Ehrenreich: Smile or Die. How Positive Thinking Fooled America & the World. Granta Publications, London 2009. 235 S., ca. 28 Fr.

Quelle: Tagesanzeiger vom 4. Januar 2010

Der Kanton Zug hat ein Herz für Familien

Die Krankenkassenprämien steigen in der Schweiz markant. Der Kanton Zug gibt Gegensteuer.
Grosszügig sei er, der Kanton Zug, dies vor allem für Familien mit Kindern. Das sagte gestern der Zuger Gesundheitsdirektor Joachim Eder an der Pressekonferenz zu den diesjährigen Prämienverbilligungen. 4,5 Millionen Franken mehr als im Vorjahr sind für die Vergünstigungen der Krankenkassenprämien budgetiert – dies entspricht einem Plus von fast 11 Prozent. In den kommenden Tagen verschickt nun die Ausgleichskasse Zug 46 000 Antragsformulare. Wer bis Mitte Februar keines erhält, muss selber aktiv werden.

Was in anderen Kantonen für Ärger sorgt, ist in Zug «ein Erfolgsmodell», wie der Direktor der Ausgleichskasse Zug, Rolf Lindenmann, an der Pressekonferenz vom Montag zu den Prämienverbilligungen im Kanton Zug erklärte. Er sprach damit den Knatsch um Zahlung von Verbilligungen an Reiche an, die – zum Beispiel in Zürich – für Diskussionen gesorgt haben. Dies, nachdem auch Bundesratssöhne Verbilligungen erhalten haben. Lindenmann: «Die Vergünstigungen werden nicht mit der Giesskanne verteilt, sondern kommen den Leuten zugute, die den Zustupf dringend benötigen.»

Quelle: Neue Zuger Zeitung online vom 3. Februar 2010

Arno Dübel 36 Jahre mied der Hamburger jeden Job, das hat ihn berühmt gemacht. Nun soll er doch zur Arbeit.

Der Langzeitarbeitslose als TV-Spektakel

Pressefotos zeigen den Hamburger Arno Dübel derzeit bei einer Tätigkeit, die an sich normal ist, in seinem Fall aber spektakulär: Dübel arbeitet. Und eine Nation staunt. Denn immerhin ist dieser Dübel bekannt als, so Presseschlagzeilen, «Deutschlands frechster Arbeitsloser». Doch Vorsicht, definitiv ist noch gar nichts! Bloss konnte Dübel (54) diese Woche für einmal kein Krankheitszeugnis vorzeigen, seine Ärztin war selber krank. Die zuständige Behörde wies ihn darauf zu einem «Aktiv-Center» – einem Ort, wo Langzeitarbeitslose wieder ans regelmässige Arbeiten herangeführt werden.
Und so sehen wir Dübel am Bügelbrett, Bügeleisen in der Hand, vor sich ein rotkariertes Geschirr-tuch. Die Augensäcke hängen noch tiefer als üblich, die Miene ist mürrisch – gern macht er das nicht. Als ihn der Betreuer ins Aktiv-Center schickte, maulte er: «Ich kann da nicht hin. Zu Hause läuft doch der Fernseher.»

Seit 36 Jahren hat Dübel nicht mehr gearbeitet. Und zwar aus Prinzip. Die Lehre als Maler-Tapezierer brach er nach zwei Jahren ab. Sie war ihm viel zu anstrengend. Sein Credo lautet seither: «Wer arbeitet, ist blöd.» Für die Miete seiner 47-Quadratmeter-Wohnung, für Wasser, Strom, Krankenkasse kommt der Staat auf. Dazu kriegt Dübel 323.10 Euro pro Monat ausbezahlt. Das reicht für die Zigaretten, für die vielen flankierenden Biere und fürs Futter, das Hund Jacky braucht, sein treuer Gefährte.

300 000 Euro hat Dübel den Staat bisher gekostet. Zum 30-Jahr-Jubiläum als Arbeitsloser schmiss er eine Party. Nichts Grosses, ein paar Freunde, Billigalkohol. «Das macht mir keiner so leicht nach», frohlockte er. Als man ihm vorhielt, seine Faulheit auf Kosten des Steuerzahlers zu zelebrieren, lachte er sein kehliges Kettenraucherlachen und sagte: «Ja, das zahlt ihr alle, die Menschheit, dafür bin ich euch dankbar, zurückzahlen kann ich es leider nicht, haha!»

Ein TV-Sender filmte die Party, das machte landesweit Furore. Und überhaupt war der Mann in den letzten Jahren immer wieder im deutschen TV und in der «Bild». Die Medienwelt hat Bedarf nach Extremfiguren wie dieser – es ist ja geschätzt bloss einer auf 1 Million Arbeitslose derart dreist. Seine Unverblümtheit macht den Totalverweigerer zur Marke. In Talkshows à la «Menschen bei Maischberger» ist er der Schrecken der Gewerkschafter, die Leute vertreten, die ohne Job seelisch verkümmern. Er ist der Clown zur Tragödie, wenn er sagt: «Arbeiten ist so eintönig, immer das Gleiche, morgens aufstehen, dann sieht man die Gesichter der Leute, die haben sich nichts Neues zu erzählen, nö, mir ist wohl zu Hause.» Oder: «Ich bin voll ausgelastet. Wenn ich arbeiten gehen müsste, wäre ich überlastet.»

Die nächsten Monate werden zeigen, ob Dübel es als Arbeitsloser in den Ruhestand schafft. Ein Amtsarzt soll seine Gesundheit grundlegend prüfen. Doch natürlich kann er sich weiter so dumm anstellen, dass ihn keiner will. Die Behörden haben ihrerseits ein schwaches Druckmittel: Sie können die monatliche Geldüberweisung stoppen und stattdessen Lebensmittelbons abgeben – dann ist Schluss mit Zigaretten und Bier. Dübel hat aber wiederum wohl Nebeneinnahmen. Offiziell haben ihm die TV-Auftritte nichts eingebracht. Unter der Hand dürfte er aber die eine oder andere «Aufwandentschädigung» kassiert haben. In diesem Fall ist Langzeitarbeitsloser eine Karriere. Seit einiger Zeit hat der Mann gar einen Manager.

Quelle: Tagesanzeiger vom 3. Februar 2010

Work-Life-Balance: Ein unglücklicher Begriff

Der Ausdruck «Work-LifeBalance» ist allgegenwärtig. Er meint das Gleichgewicht zwischen Arbeit und Privatleben, bringt dies aber nicht auf den Punkt.

Bei genauerem Hinhören stellen wir jedoch fest, dass diese Wortkombination unglücklich gewählt, ja sogar irreführend ist. Arbeiten und Leben sind keine Gegensätze. Ganz im Gegenteil: Arbeit ist ein essenzieller Bestandteil des Lebens. Arbeit ist kein Übel oder gar eine Strafe, sondern ein menschliches Grundbedürfnis und ein wesentlicher Baustein des Selbstwertgefühls. Natürlich ist es ausserordentlich wichtig, ein Gleichgewicht zwischen den Lebensbereichen «Beruf und Leistung», «Körper und Gesundheit», «Familie und Freunde» sowie «Sinn und Kultur» zu finden, denn diese beeinflussen sich wechselseitig: Wer krank ist, kann weder sein Leben geniessen noch ist er voller Leistungskraft. Wer sich einsam fühlt, ist weder glücklich noch kann er seine Energie uneingeschränkt im Beruf einsetzen. Wer im Job dauerhaft – wegen Über- oder Unterforderung, wegen schlechten Klimas, wegen inkompetenter oder willkürlicher Führung – unter Stress leidet, bringt wenig Geduld für seine Kinder oder seinen Partner auf.

Warum nicht Life-Balance?
Das heisst: Nur wer ein Leben in Balance führt, ist gesund, belastbar, zufrieden, motiviert, kreativ und leistungsfähig.
Es geht im Leben von Berufstätigen also um ein komplexeres Gleichgewicht zwischen Fremdbestimmung und Selbstbestimmung, zwischen Rolle und Selbst, zwischen Müssen und Dürfen, zwischen Produzieren und Konsumieren, zwischen Hektik und Ruhe, zwischen Geben und Nehmen. Unser Ziel muss ein ausgewogenes Leben sein, ein «balanced life», ein «Life in Balance».
Es scheint uns an der Zeit, den irreführenden Begriff «Work-Life-Balance» abzulösen durch einen zutreffenderen. Warum nicht einfach «Life-Balance»?

Jost Wirz, Wirz Gruppe für Kommunikation, und Nelly Riggenbach, Universum.

Quelle: Tagesanzeiger vom 1. Februar 2010

 

Schweizer zahlen 2 Milliarden zu viel fürs Handy

Gemäss dem Internet-Vergleichsdienst Comparis geben Handybesitzer massiv zu viel fürs Telefonieren aus. Der Dienst gibt einen Spartipp ab.
Für viele wäre Prepaid die bessere Lösung: Handy-Nutzerinnen 2005 in Zürich.

Verglichen mit der Umfrage vom Vorjahr ist das Sparpotenzial für Handybesitzer um 200 Millionen Franken zurückgegangen, wie Comparis.ch am Sonntag mitteilte. Das hat laut einem Telecom-Experten des Vergleichsdiensts mit dem Boom der sogenannten Smartphones wie dem iPhone zu tun, mit dem viele Kunden auch auf ein günstigeres Abonnement gewechselt hätten.
Das Potenzial bleibt aber gross. Comparis.ch veranschlagt es aufgrund seiner Umfrage bei 5810 Handynutzern auf 1,9 Milliarden Franken, davon knapp 1,2 Milliarden bei der Marktführerin Swisscom, 330 Millionen bei Sunrise und 400 Millionen bei Orange.

Prepaid-Option nicht von vornherein ausschliessen
Laut comparis.ch ist es unklug, sich von vornherein nicht für Prepaid-Produkte zu interessieren. Drei Viertel der Handykunden würden nämlich mit einer günstigen Prepaid-Lösung wenigstens fürs Telefonieren weniger bezahlen müssen, heisst es. Laut comparis.ch war Aldi Mobile in 55 Prozent der analysierten Fälle am günstigsten, Coop Mobile in 20 Prozent der Fälle.
Auch für Kunden, die das mobile Internet nutzen, ist gemäss Mitteilung in den wenigsten Fällen ein Abo die günstigste Wahl. Laut der Erhebung war das Prepaid-Angebot von Coop Mobile mit zusätzlicher Datenoption in fast zwei Dritteln der Fälle das günstigste.

Nur Wenige wollen wechseln
Bei der Kundenzufriedenheit schwang die Migros obenaus, die das Netz der Swisscom nutzt. Ihre Kunden bewerteten sie mit der Note 5,4, wobei nebst dem Preis die Gesprächsqualität, die Netzabdeckung, die Hotlines, und die Übersichtlichkeit der Kundeninformationen berücksichtigt wurden. Aldi landete mit 5,3 auf dem zweiten Platz, dahinter folgten Yallo und Swisscom mit 5,2 beziehungsweise 5,0. Sunrise erhielt eine 4,5 und Orange eine 4,4.
Entsprechend der mehrheitlich guten Noten will auch nur ein kleiner Teil der Kunden - 15 Prozent - den Anbieter auf den nächsten Termin wechseln. 62 Prozent wollen bleiben, wobei die Unterschiede unter den drei wichtigsten Anbietern gross sind. Bei der Swisscom wollen laut comparis.ch acht Prozent weg, bei Sunrise 21 Prozent und bei Orange sogar 27 Prozent. (oku/ap)

Quelle: Tagesanzeiger vom 03.Januar 2010